02 20 Magazin für Architektur, Garten und Lebensart

Zurück in die Zukunft

Stefano Vidale von VIS Architekten wusste im Vringsveedel Altes und Neues bestens zu vereinen und beweist, dass nicht nur penible Rekonstruktion von Gewesenem, sondern behutsames Anpassen an die Moderne zu attraktiver Architektur führt.

Trotz der starken Zerstörung Kölns im Zweiten Weltkrieg ist das Stadtbild der Südstadt heute noch sehr geprägt durch historische Fassaden aus der Gründerzeit. Damit ist die Südstadt neben der Altstadt einer der wenigen Bereiche, in dem es noch eine stark zusammenhängende historische Bebauung gibt. Hier finden sich nahezu ausschließlich direkt nebeneinander gebaute Mehrfamilienhäuser, in deren Erdgeschoss sich meist Lokale mit Geschäften und Gastronomie befinden. Unser neues altes Domizil ist auf der belebten Severinsstraße in der ehemaligen Kronen-Apotheke. Sie wurde 1872 eröffnet und in drei Generationen von der Familie Geuer genutzt. Da sie nur 98 qm aufwies und für Apotheken eine Mindestgröße von 110 qm vorgeschrieben war, konnte sie nur bis Ende 2012 als solche genutzt werden. Gebäude mit besonderer Geschichte unterliegen strengem Schutz. 2015 nahm sich Stefano Vidale von VIS Architekten der Komplett­sanierung des denkmalgeschützten Objektes an und formte in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt ein ganz besonderes Einfamilienhaus, das im Sommer 2018 fertiggestellt werden konnte. Es verfügt über eine Wohnfläche von 488 qm plus Wintergarten von 67 qm, verteilt auf vier Ebenen mit insgesamt 13 Räumen. Die Fassade wurde nach historischer Vorgabe restauriert, Fenster- und Türanlagen wiederhergestellt, Deckenflächen wurden entfernt, Sanitär- und Elektroinstallation erneuert, Keller trockengelegt, Dachflächen neu eingedeckt und der Innenhof neu gestaltet – der komplette Umbau des Hauses gelang mit den raumbildenden Kunstgriffen von VIS Architekten. Die histo­rische Apotheke mit ihrem antiken Mobiliar im Erdgeschoss blieb mit ihrem ursprünglichen Charakter erhalten, der Boden wurde mit handgemachten Mosaik-Zementfliesen erneuert. Heute ist sie Bestandteil des Hauses und wird als – von außen einsehbares – Büro genutzt. Zwei Bleiglaskristallbilder bilden ein Fenster zum Innenhof, das Tony May 1947 schuf. Es zeigt die beiden Heiligen Cosmas und Damian, die Schutzpatrone der Apotheker. Parterre wurde das Hinterhaus durch einen Wintergarten erweitert. Das Ensemble wird als Gästewohnung genutzt. Im ganzen Objekt hat nun die Vergangenheit Zukunft.

Im ganzen Haus zeigt sich die Klasse des Entwurfs

Über das historische Treppenhaus, das durch einen Aufzug ergänzt wurde, gelangt man in die oberen Etagen. Im ersten Obergeschoss ist der Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Fitnessbereich sowie einer Bibliothek als Ruhezone. Moderne Bäder erhielten einen Frescolori und bilden durch den entstandenen Korridor der gegenüberliegenden Zonen eine Art Waschstraße, die sich nach draußen weitet. So gelangt man zur Abkühlung auf das begrünte Dach des Wintergartens. Eine große Schlafebene mit Bad und Ankleide ist im zweiten Obergeschoss untergebracht. Darüber sind Küche und Essbereich angesiedelt, wo alle Eichenbalken freigelegt und sichtbar gemacht wurden. Das Genusszentrum des Hauses bildet die sonderangefertigte Küche mit Metallicoberfläche und Griffstangen, die mit Sattelleder umnäht sind. Die Kücheninsel, in der auch die Dunstabzugshaube verschwindet, ist mit Naturstein verkleidet. In jeder Etage ist die freigelegte und originalgetreu wiederhergestellte Mauer als lebendes Relief das verbindende Element zwischen Vergangen­heit und Gegenwart. Heller Estrich, Eichendielen und die restaurierten Ziegelmauern machen das Interior im ganzen Haus unverwechselbar.

Restauriertes Ziegelmauerwerk - das verbindende Element

Schauplatz des Domizils ist der Hauptraum als Wohnbereich unter dem Dach. Der Großteil der Zwischendecke wurde entfernt, sodass sich der Raum bis in den First weitet. Ein kleiner Teil ist übriggeblieben, hier ist eine Empore als Leseecke eingezogen. Sie wird von einer stützenden Mauer getragen, in der ein 250x60 cm langes Aquarium integriert ist. Neben Weite und Höhe des Raumes beeindrucken das offen liegende Mauerwerk und die vier Meter hohen Kathedralenfenster, die aus kleinen Fenstern zusammengefügt wurden. In dem Familienraum wurde die Kontur des Daches übernommen, im höchsten Punkt ist das Wohnzimmer sechs Meter hoch. Von hier aus geht es zu chill & grill auf die Dachterrasse, die eine Außenküche beherbergt. Sie endet mit einer Empore, in die ein kleiner Pool mit einem Durchmesser von etwa drei Meter eingelassen ist. Architektur ist eben nicht nur die Kunst zu bauen – sie soll auch für das große Staunen sorgen. Und das ist Stefano Vidale vollends gelungen. So zeigt sich die Klasse des Entwurfs im gesamten Ensemble.

www.visarchitekten.com

Im ganzen Haus zeigt sich die Klasse des Entwurfs

Architekten Vidale Schnitzler Architekten,
Köln
Lage Südstadt Köln
Baujahr/Umbau 2015
Wohnläche 488 qm
Inneneinrichtung Pfannes & Virnich, Köln
Lichtplanung Solbach, Geisenheim
Leuchtenhersteller Prolicht, Neu-Götzens / Österreich
Sauna corso sauna manufaktur, Bramsche Aquarium Aqua Tropica, Köln
Heizung/Sanitär Kay Kessler Sanitär & Heizung, Bergisch Gladbach 
Rohbau Stefan Upgang Bau, Köln
Elektrotechnik Clemens, Bergisch Gladbach
Fassade Antoni Stuckrestaurierung, Bornheim
Dachdecker Fröhlen Bedachungen, Bergisch Gladbach
Trockenbau Schwierz & Szymek, Köln
Maler Raumgestaltung Weyres, Köln Fliesen Rasmussen - Fliesenfachbetrieb, Köln
Fliesenhersteller Mosáico Zementfliesen, Köln
Parkett Parkett Hasler, Köln Zimmermann
Zimmerei Glöde,Köln
Treppeninstallation Treppen & Bauelemente Schmidt, Hornbach
Schreiner Schreinerei Lutz Röhrig, Köln