01 22 Magazin für Architektur, Garten und Lebensart

Die große Freiheit

In einem ruhigen Kölner Wohngebiet schafft Bernd Oxen ein monolithisches Kleinod, das alle möglichen Winkelbeziehungen aufweist, nur keine von 90 Grad. Ein ganz besonderer Blickfang.

Nicht, dass sich der Architekt vorgenommen hätte, sich bei dieser ­Villa dogmatisch von der Grundlehre des rechten Winkels zu entfernen. Bei näherer Betrachtung der örtlichen Gegebenheiten, stellte sich schnell heraus, dass der ­Entwurf von Oxen Architekten das Ergebnis der Auslotung baurechtlicher Vorgaben, Nachbarschaft, Sonnenstand, Sonnenverlauf und nicht zuletzt der Bauherrenwünsche ist. Bernd Oxen entgegnete den Herausforderungen mit der Abkehr vom rechten Winkel und entwickelte ein polygonales Gestaltungsprinzip, das sich über zwei Ebenen erstreckt. Ein Polygon oder auch Vieleck ist ein geometrisches Objekt, das durch einen geschlossenen Streckenzug gebildet wird, wenn man mindestens drei verschiedene Punkte miteinander verbindet. So gibt es in diesem Haus keinen Raum mit rechtem Winkel.

Der Bauherr hatte genaue Vorstellungen von Details und Materialqualität, die sich im ganzen Haus wiederfinden. Der Baukörper selbst wirkt wie aus einem Guss – ein, aus einem Monolith geschlagenen Ganzen. Unterstrichen wird der Eindruck durch die homogene Gestaltung der Fassade. Ob Dachfallrohre, Geländer oder Abdeck­bleche – auf sämtliche Schnörkel wurde zugunsten der einheitlichen Wahrnehmung verzichtet oder diese geschickt verdeckt. Nur der Stein in Verbindung mit extra angefertigten Sichtbetonelementen an Attika, Dachbändern und Balkonen sollten die Außengestaltung prägen. Für diesen Stein fuhr der Architekt mit seinen Bauherren extra nach Dänemark, sie schauten sich die Produktion an und ­fertigten selbst Steine bei Petersen Tegl. Seine Wahl hatte der Bauherr bereits in Köln getroffen – es war der Kolumba-Stein. Dieser wurde im Jahr 2000 als gemeinsames Projekt mit dem Schweizer Architekten Peter Zumthor für das Kolumba ­Museum in Köln entwickelt und nach jahrhundertealten Handwerkstraditionen aus verschiedenen Tonarten gefertigt. Und es gab einen weiteren triftigen Grund für die Wahl. „Wir finden an der Villa keine geschnittenen oder geschlagenen Ecken. Alle Formsteine für die unterschiedlichsten Ecken im Innen und ­Außen wurden von Petersen Tegl nach unseren Maßgaben und Plänen von 80 bis 105 Grad produziert, damit keine Versprünge entstehen. Alles Originalsteine – das ist schon etwas Besonderes!“

Um den Bauherrn von der Entwurfsidee zu überzeugen und diese nicht ­einfach nachzuvollziehende, nicht-rechtwinkligen Raumsituationen zu veran­schaulichen, wurden vom Architekturbüro Modelle angefertigt und Rendering-Studien eingesetzt. Im Erdgeschoss finden sich Küche, Ess- und Wohnzimmer sowie Arbeits- und Gästezimmer. In der Erschließungszone und im Treppenraum wird das freie Spiel der Winkel deutlich, gleichwohl in der dritten Dimension. Dort verschneiden die Flächen räumlich miteinander und zeigen eindrucksvoll die Entwurfsidee. Wenn man die Villa betritt, wendet sich die Treppe in einem undefinierten Winkel bis ganz nach oben unter das Dach. Unterstrichen wird der Eindruck durch das Sonnenlicht, das durch schmale Fensterbänder im großen Treppenauge von oben bis unten an den weißen Wänden für ein ­wunderbares Licht- und Schattenspiel sorgt. Im Obergeschoss sind die ­Schlaf­räume, die Bäder und die Nebenräume. Große bodentiefe Fensterfronten mit eleganten schmalprofiligen Schiebetüren und schwellenlosem Zugang machen den Übergang auf die Terrassen möglich.

Das Haus selbst ist komplett mit regenerativer Energie (Erdwärme und Solarenergie) für Heiz- und Kühlzwecke ausgestattet. Sämtliche Steuerungselemente für Sonnenschutz, Beleuchtung, Heizung und Kühlung werden über eine KNX-gesteuerte Haustechnik betrieben. Innenräume sind reduziert und zurückhaltend in Wand und Boden ausgestattet, sie ermöglichen jede Freiheit der individuellen Gestaltung und bieten Platz für die Ausstattung mit Kunstobjekten. Textile Fensterbehänge und eine Akustikdecke verhindern bei der großzügigen Raumhöhe den Eindruck des Hallencharakters und erzeugen eine angenehme Raumakustik. Dem architektonischen Prinzip des Hauses folgten die Gartenarchitekten von gartenplus und führten es mit Polygonalplatten als perfektes Puzzlespiel nach außen harmonisch fort. Gerade dieses Zusammenspiel beim Entwurf von Extravaganz auf der einen Seite und Stimmigkeit in der Durchführung auf der anderen Seite, überzeugt sowohl die Bewohner als auch die, die es von außen betrachten können.

www.oxen.de

Stein auf Stein Handarbeit

ARCHITEKTEN oxen architekten, Köln
BAUJAHR/FERTIGSTELLUNG 2019
WOHNFLÄCHE ca. 500 qm
LICHTPLANUNG  ag Licht, Köln
BADPLANUNG Ultramarin Badinstallation, Köln
KÜCHENPLANUNG bulthaup köln,
BLASER & HÖFER Kücheneinrichtung, Köln
AUßENANLAGENPLANER Gartenplus, Grevenbroich
PARKETTBODEN  Parkett Dietrich, Wuppertal
FLIESENARBEITEN Fliesen Döpper, Overath-Immekeppel
INNENTÜREN/SCHREINERARBEITENNeuraum, Windeck
STAHLTÜREN Metallbau Obladen, Köln
KAMIN Kaminbau Engel, Leverkusen
SPACHTELBODEN Pandomo farbecht Maler, Köln
TÜRZARGEN Petry Metallbau & Kunstschmiede, Bonn
MALER-/TAPEZIERARBEITEN Malerbetrieb Bernhard Helgert, Köln