02 20 Magazin für Architektur, Garten und Lebensart

Der unvergleichliche Charme der Vergänglichkeit

Landschaftsarchitekt Volker Püschel aus Mettmann erhielt für diesen wunderbaren Garten den ersten Preis im Wettbewerb GÄRTEN DES JAHRES 2019 ausgezeichnet vom Callwey Verlag.

Eine ungewöhnliche Idee in unserer Zeit, die aber auf eine lange Tradition zurückblickt. Zur Glanzzeit der englischen Gartenkunst im 18. Jahrhundert war „die Ruine“ ein beliebtes Element der Gestaltung, allerdings wurden die Staffagebauten wie Burgruinen oder verfallene Tempel meist detailgetreu und täuschend echt nachgebaut. Als point de vue zogen sie die Blicke auf sich und sollten den Betrachter an die Vergänglichkeit erinnern und in eine romantische Stimmung versetzen. Doch anders als bei den historischen Parkruinen ist hier alles echt! Auf dem großen Grundstück gab es neben zwei Wohnhäusern noch ein drittes – eine alte Backsteinvilla aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, die abgerissen werden sollte. Nach langer Bedenkzeit einigte man sich auf einen Teilabriss. „Die Bauherren haben sich darauf eingelassen. Ich habe es als sehr positiv empfunden, dass sie uns das Vertrauen geschenkt haben“, sagt Volker Püschel.

Zeugnis der Vergangenheit

Parallel zum behutsamen Abbruch entwickelte der Landschaftsarchitekt die Idee zu einem „Garten im Haus“. Ein geschwungener Weg führt vom heutigen Wohnhaus zum ehemaligen Hauseingang der alten Villa. Man kann den Gartenhof also immer noch durch die alte Haustür betreten, es gibt aber auch weitere Wegeverbindungen dorthin. Von der alten Villa blieben drei Außenwände erhalten. Von der vierten Wand wurde nur so viel entfernt, dass die Statik der anderen Wände gewährleistet war. Die Innenwände befreite man vom lockeren Putz, sodass das Mauerwerk zum Vorschein kam. Anschließend erhielten die Wandflächen und die Mauer­köpfe eine „wasserdichte“ Putzschicht. Die entfernte Mauer im Norden wurde durch eine Eibenhecke wieder symbolisch komplettiert. So entstand ein geschlossener Innenhof, ein Hortus ­conclusus. Durch die vorhandenen Öffnungen im Mauerwerk – im Süden ein Fenster, im Osten eine Tür – ergab sich das Wegekreuz im Zentrum des Innenhofes. Fenster und Türen eröffnen nun immer wieder neue spannende Blicke in weitere Gartenräume. Die Blickachsen werden durch die Plattenwege zusätzlich verstärkt.

Ein ganz besonderer Lebensraum

Von einem kleinen runden Sitzplatz unter einer Kastanie blickt man etwa 50 Meter weit durch ein geöffnetes Fenster über den formalen Kräuter- und Gemüsegarten bis zum Endpunkt der Blickachse, einer 40 Jahre alten Zwerg-Duftflieder ‚Palabin‘ (Syringa meyeri) mit betörendem Duft. Eine zweite Blickachse führt durch die ehemalige Tür über eine 15 Meter lange Boulebahn bis zu einer Bank unter einem Rosenbogen. Spaliere aus Duftblüten (Osmanthus), Weinreben, Feigen, Aprikosen, eine Chinesische Hanfpalme (Chamaerops excelsa) und eine Immergrüne Magnolie (Magnolia grandiflora) fühlen sich zwischen den Mauerresten wohl. Die wärmespeichernden Ziegel schaffen ein für die mediterranen Gewächse günstiges Kleinklima und schützen vor kalten Winden. Highlight ist eine
24 qm große, beheizbare Orangerie, die sich in Höhe und Form der vorhandenen Restmauer anpasst. Dank des Mutes der Bauherren, sich auf diese ungewöhnliche Idee einzulassen, ist ein ganz besonderer Lebensraum entstanden, den Volker Püschel mit viel Fantasie, Einfühlungsvermögen und gärtnerischem Geschick gestaltet hat. Das alte Haus wurde so statt Komplettabriss in einer neuen Funktion wiederbelebt. Der große, parkartige Hausgarten mit Koi-Teich, Bienenhaus, Hühnerhof und einem Kinderspielplatz ist nun um eine echte Attraktion reicher: ein Ruinengarten, der eine wahre Geschichte zu erzählen weiß.

www.volkerpueschel.com
www.callwey.de

Zeugnis der Vergangenheit

GRÖSSE 1.375 qm, Teil eines 6.000 qm großen Parks
PLANUNGSBÜRO Büro Landschaftsarchitekt Volker Püschel
Ausführung Ringbeck, Oelde

Gärten des Jahres
Die 50 besten Privatgärten 2019

Claudia Gölz und Konstanze Neubauer 280 Seiten, ca. 400 farbige Abbildungen und Pläne 23 x 30 cm, gebunden mit Schutzumschlag € [D] 59,95 | ISBN 978-3-7667-2394-9