02 19 Magazin für Architektur, Garten und Lebensart

Hauslust Teil II: Die Hausbar

Christian Heuchel, Künstler und Geschäftsführer von O&O Baukunst, und sein Alter Ego fordern in einer vierteiligen Kolumne die Freude am richtigen Wohnen ein.

In vier Teilen – Haustür, Hausbar, Schlafzimmer, Ausblick – gibt der Architekt mit der Puppe Tipps zur richtigen Gestaltung. Diesmal zur Hausbar.

Zieh dir die Pantoffeln über und komm gleich runter“, war das klare Kommando meiner Kindheit. Meistens an einem Samstagnachmittag, kurz vor der Sportschau. Ein geheimer Code, der den rituellen Abstieg über eine enge Holztreppe in die Fundamente des Hauses erlaubte. Hier lag das Prachtstück im Boden vergraben. Eine Wunderkammer – gespickt mit der Sammellust der Hausherrin und des Hausherrn. Die Hausbar, eingepackt in eine Holzvertäfelung aus dunkler Eiche, vom Tabakgeruch der Zigarren und Pfeifen umhüllt. Die Wände reich dekoriert mit Tellern, Geweihen und einem herrenlosen Toupet. Gegenstände der ersten Familien­reisen in ferne Länder. Urlaubswelten en ­miniature – ob Kolosseum, Eifelturm oder unbrauchbare Kastagnetten. Die regionale Küche, allen voran der Käseigel und das ­Mettschwein, wurde nebst zahlreicher Trinkrituale dargeboten: Der „Sonnenschein“ eine Mischung aus Eierlikör und Limonade, „Korea“ aus Rotwein und Cola und der allseits beliebte „Angler Muck“ waren stets im Angebot. Hier wurde unbeobachtet herausgeträllert und gebrüllt. Atemlos durch die Nacht, im schwitzenden Nebel der Erinnerungen.

Schon die Höhle von Lascaux kennt vor 17.000 Jahren einen acht Meter tiefen Raum, den „Brunnen“, den man nur durch ein Schlupf­loch von 50cm Breite erreicht. Hier kann man die Höhlenmalerei „Vogelmann mit Vogel und Nashorn“ im Dunkeln bestaunen. Ein magischer Ort, der einem seiner Sinne beraubt und Rätsel aufgibt, denn noch heute ist es unmöglich, sich dort länger als fünf Minuten ohne Sauerstoffgerät aufzuhalten. Die American Bar in Wien wurde 1908 von Adolf Loos während der Belle Époque gestaltet. Eine Bar, 25qm klein, schwarzes 100 Jahre altes Leder, vier Marmorsäulen, Sitznischen aus Mahagoni. Das Ganze abgerundet durch Messing und leuchtende Onyx-Wände. Die Kassettendecke aus honiggelbem Marmor wird an den verspiegelten Wänden endlos fortgesetzt und es entfaltet sich ein Raum, welcher weit über den der Bar hinausreicht.

Die HAUSBAR ist weg. Sie konnte sich nicht behaupten gegen die Angebote der digitalen Welt. Die Hausbar, die das eigentliche Haus verwaisen ließ, ist als Treffpunkt verschwunden. Die Wohnungsraumpolitik hat diesen Raum vergessen, ihn zum Servierwagen schrumpfen lassen. Die Zurschaustellung einer unverstellten Gastkultur findet keinen Platz mehr.

Wir brauchen ihn wieder, diesen engen fensterlosen Raum. Raum der unbeschwerten Geselligkeit und des intimen Rückzuges. Ein letztes Refugium der unkontrollierten Entgrenzung der bürgerlichen Welt. Den menschlichen Ausbruch aus der Funktionalität der Industrialisierung. Die Hausbar ist eine Zeitkapsel der Freiheit, wo Alkohol, Zigaretten, Entspannung und schierer Quatsch noch die Regel sind.

Christian Heuchel und Van Heuchel

www.christianheuchel.de
www.ortner-ortner.com

Teil zwei // Die Hausbar