02 20 Magazin für Architektur, Garten und Lebensart

Brutal schön!

Wie ein Monolith präsentiert sich der kubische, skulptural anmutende Baukörper mit seiner strengen Sichtbetonfassade. Das ambitionierte Werk, das nach den Plänen der Architektin Andrea Wirges-Klein entstand, ist mehrfach ausgezeichnet.

Grundform, Anmutung, Haptik – der natürliche Werkstoff Beton steht für nahezu grenzenlose Kreativität. Faszinierend wandelbar hat er sich mittlerweile auch bei der Innenraumgestaltung und Interiordesign etabliert. Brutalismus – der Begriff des Architekturstils der Moderne – hört sich schlimmer an, als er gemeint war. Brutal steht nicht für das Zerstörerische. „Béton brut“ aus dem Französischen ist das Rohe, Raue, Grobe, Herbe und das Ehrliche. Um hochwertige Sichtbetonflächen zu erstellen, bedarf es allerdings besonderer Kenntnisse – auch das Gelingen hängt von vielen Faktoren ab. Das optische Erscheinungsbild der Betonfassade wird unter anderem durch Textur, Porigkeit, Wahl der Schaltafeln und Farbe des Betons bestimmt. Da der Bauherr gleichzeitig Bauunternehmer ist, stellte er sich gemeinsam mit der Architektin Andrea Wirges-Klein dieser Herausforderung und legte persönlich Hand an. Zunächst starteten sie Versuche mit Probewänden, um die perfekte Sichtbetonrezeptur zu finden und erhielten Unterstützung von einem Betonexperten. „Wir haben uns gemeinsam an die Konsistenz und alles andere herangetastet“, erklärt die Bonner Architektin. Schließlich ging es darum, die richtigen Zuschlagstoffe und Farbpigmente zu finden, um den gewünschten Farbton zu erzielen. Besonders aufwendig war der exakte Schalplan, der die Anordnung und Größe der Schaltafeln festlegte. „Hier musste im Vorhinein alles bis ins kleinste Detail durchdacht werden.“

Bei dem Gebäude in Rösrath, vor den Toren der Domstadt, handelt es sich um einen klassischen Mauerwerksbau, dessen äußere Sichtbetonschale mit einer Kerndämmung vor die innere Mauerwerkswand betoniert wurde. Das Betonieren der einzelnen Abschnitte erwies sich jedes Mal als neue Herausforderung für den Unternehmer. Schnell zeigte sich, dass viele Faktoren, wie Außentemperatur, Tages- und sogar Uhrzeit des Betonierens, die Konsistenz des gelieferten Betons und seine Herkunft aus unterschiedlichen Betonwerken, Einfluss auf die Anwendung und auch auf das letztlich sichtbare Resultat hatten. Entstandene Lunker oder Abplatzungen wurden bewusst nicht durch eine spätere Betonkosmetik behoben und zeigen manuell gefertigtes Werk mit all‘ seinen natürlichen Eigenschaften. Um die Kantigkeit zu betonen, wurden alle Kanten scharf ausgebildet. Auf Abdeckprofile am Flachdachrand wurde aus gestalterischen Gründen bewusst verzichtet. Als Gegensatz zur rohen Betonwand wurden einzelne Bereiche mit einer horizontal strukturierten Holzverkleidung verschalt.

Ausgangspunkt der Planungen war ein ruhig gelegenes Baugrundstück in zweiter Reihe, das südseitig an ein Landschaftsschutzgebiet grenzt. Andrea Wirges-Klein entwickelte dafür einen Baukörper, der sich zur Straßenfront an der Nordseite eher geschlossen zeigt. Hier fokussiert sich der Blick schnell auf den Eingangsbereich. Er wird durch ein Glasband betont, das sich vertikal über die volle Gebäudehöhe erstreckt und dann horizontal in das Flachdach hineinläuft. So rau das Haus von außen erscheint, so hell und freundlich wirkt es im Innern. Betritt man das Entré, wird man von Weiß- und Champagnertönen empfangen, die durch das einfallende Licht des Glasbandes hell ausgeleuchtet werden. Die ganze Großzügigkeit des zweigeschossigen Hauses erlebt man durch die nach oben aufgehende Betontreppe mit Glasgeländer. Ein großes Einbaumöbel im Treppenhaus bietet jede Menge Stauraum in dem nichtunterkellerten Haus. Vom Eingangsbereich führt eine Glasschiebetüre in den Wohn- und Essbereich. Der Wohnbereich des offen gestalteten Grundrisses bildet mit seiner Höhe von sechs Metern eine Art private Kathedrale. Auch in der Innenraumgestaltung konnte sich die Architektin einbringen. Sowohl die Küchenmöblierung des renommierten Designers Cornelius ­Paxmann als auch das übrige Interior sind Ausdruck der Geradlinigkeit und schlichten Eleganz der Bauherrenfamilie. Hinter der offenen Küche findet sich ein Wirtschaftsraum, der den praktischen Anforderungen gerecht wird. Weiterhin finden sich im Erdgeschoss ein Duschbad, ein Gäste-WC und die Kinderzimmer.

Im Obergeschoss sind die Schlafräume, einschließlich Ankleide. Von hier aus ist die nach Süden gerichtete Terrasse zugänglich. Im Zentrum der Etage ist das Panorama-Bad, das der Bauherr selbst geplant hat. Eine raumhohe Verglasung lässt den wunderschönen Ausblick ins Naturschutzgebiet zu. Im Mittelpunkt des großzügigen Bades befindet sich eine freistehende Badewanne. Die Waschtischanlage folgt einem individuellen Entwurf, dem es gelingt, Steckdosen und andere Installationen unsichtbar zu machen. Weißlackierte Flächen in Kombination mit Eiche sorgen für die besondere Anmutung und Haptik und bringen die Möbel vor den dunklen Wand- und Bodenfliesen perfekt zur Geltung.

Zur Gartenseite hin öffnet sich der Monolith mit großen Einschnitten und großen Glasflächen – die einen herrlichen Blick ins Grün freigeben. „Für uns war es ganz wichtig, einen fließenden Übergang von innen nach außen zu schaffen.“ Diesen bildet ein aus der Sichtbetonfassade heraus gefaltetes, schmales Betonband, das in eine Terrassenüberdachung übergeht. Geradezu versöhnlich scheint sich der harte Betonkubus mit diesem Vordach, dem Pool und der Natur entgegenzustrecken. Der breitere Teil schafft einen über­dachten Außensitzplatz. Eine vom Gebäude abgerückte, freistehende Sicht­beton-Wandscheibe bildet ein gestalterisches Element und ist zugleich Sichtschutz. Als charaktervoller Solitär steht ein mächtiger Baum dem brutalen Gebäude gegenüber und stellt die Balance zwischen Mensch und Natur wieder her.

www.wirges-klein.de

Meister des Brutalismus: Le Corbusier

Architekten wirges-klein architekten, Bonn
Lage Rösrath
Baujahr 2015
Wohnläche 288 qm
Fenster KESKIN Fensterbau, Troisdorf
Elektrotechnik Edward Wotzka, Wiehl
Heizung/Sanitär Gerhard Kurscheidt, Neunkirchen-Seelscheid
Innenputz HS Putz, Wesseling
Schreiner aspekt schreinerarbeiten, Köln
Küche Paxmann Design, Bonn
Gartenarchitekt Schwarze und Partner, Krefeld